David Mitchell auf dem Harbour Front Literaturfestival in Hamburg

David Mitchell kam am 13. September nach Hamburg, um auf dem Harbour Front Festival aus seinem neuen Buch «Die tausend Herbste des Jacob de Zoet» zu lesen. Wir waren natürlich auch da und haben es uns nicht nehmen lassen, dem sympathischen Engländer vor seiner Lesung ein paar Fragen zu stellen – und ihn drei Bücher signieren zu lassen, die wir hier verlost haben. Die Akustik des Videos lässt qualitativ leider  zu wünschen übrig, weshalb wir das Interview transkribiert und übersetzt haben.

Lesen Sie unten wie David Mitchell zu der Verfilmung seines Romans «Wolkenatlas» steht und wie es sich anfühlte, nicht nur als Autor der Buchvorlage, sondern auch als Schauspieler am Film mit zu wirken.

Rowohlt: Herr Mitchell, der Film von Lana Wachowski, Tom Tykwer und Larry Wachowski basiert auf Ihrem Buch «Wolkenatlas». Wie war es, am Skript des Films mitzuwirken und selbst als Schauspieler vor der Kamera zu stehen?

Mitchell: Der Film ist wunderbar geworden, ich bin wirklich glücklich darüber. Es ist wirklich eine wunderbare Sache. Einige Dinge im Film unterscheiden sich natürlich vom Buch, aber wir haben versucht, das immer auf eine logische Art und Weise geschehen zu lassen. Mich selbst in dem Film zu sehen, ist wie ein Traum, etwas seltsam, aber auch cool. Davon kann ich dann später meinen Enkelkindern erzählen: «Guckt mal, das bin ich.» (lacht)

Rowohlt: Da gab es doch diese Sache mit dem Telefon. In einem Artikel im aktuellen New Yorker zu der Verfilmung von «Wolkenatlas» ist von einem Telefon die Rede, das Sie in Ihrem Buch sehr detailliert beschreiben, das sich aber leider so in der «realen Welt» nur schwer umsetzen ließ.

Mitchell: Ja, richtig … Wenn ich schreibe, kümmere ich mich nicht großartig um die Realität. Ich kann einfach aus meinen Eindrücken und Gedanken heraus etwas beschreiben. Das ist wirklich toll. Ich muss nicht darauf achten, ob es tatsächlich in der Realität funktionieren würde. Aber beim Film kann man nicht einfach nur von der Vorstellungskraft leben, deswegen mussten wir einen Weg finden, von mir im Buch erschaffene Gegenstände filmtauglich zu machen. Dieses futuristische Telefon ist ein gutes Beispiel.

Rowohlt: Sie leben in einem kleinen Dorf in Irland – helfen Ihnen die Isolation und die Einsamkeit beim Schreiben?

Mitchell: Ich glaube, ich kann in jeder Umgebung ein Buch schreiben, hauptsache ich befinde mich nicht direkt mitten in einem Nachtclub. Aber etwas einsamer zu leben hilft mir schon. Ich bin ein Landjunge. Ich liebe es, die Haustür zu öffnen und einfach einen schönen Spaziergang zu machen, ohne vorher mit dem Auto in die Natur rausfahren zu müssen. Das beruhigt und entspannt mich.

Rowohlt: Was hoffen Sie, nehmen die Leser aus «Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“»mit?

Mitchell: Ich wünsche mir, dass sie einfach eine gute Zeit haben. Es ist ein sehr langes Buch mit einer Menge Inhalt und sehr komplexen Charakteren. Ich wollte einfach eine andere Welt erschaffen, in die man von Zeit zu Zeit hineinschlüpfen kann. Ich hoffe meine Leser können diese andere Welt genießen und manchmal so darin versinken, dass sie die wahre Welt für einen Augenblick vergessen. Das wäre großartig.

Rowohlt: Ihr Buch beinhaltet sehr viele wunderschöne Sätze, an die man sich lange, nachdem man das Buch gelesen hat, erinnert. Erinnern Sie sich an einzelne Sätze aus Büchern anderer Autoren, die sie so schön fanden, dass sie Sie noch Jahre später nicht verlassen haben?

Mitchell: Ich erinnere mich nicht so sehr an bestimmte Sätze, mir bleiben eher ganz besondere Einzelheiten in Erinnerung. Dinge, die auch im wahren Leben passieren und die ich selber kenne und erlebt habe – und die mich deshalb an die Passage immer wieder erinnern. In einem Buch zum Beispiel bereitet eine Mutter das Abendessen vor und als sie dann ganz laut «Essen ist fertig!» ruft und auch nach fünfzehn Minuten noch keiner der Familie am Tisch ist, wird sie wirklich böse. Und so ist es bei uns zu Hause manchmal auch. (lacht) An solche kleinen Beobachtungen des Lebens erinnere ich immer gut, denn die geschehen auch mir in der Wirklichkeit.

Rowohlt: Lieber Herr Mitchell, vielen Dank für dieses Interview.

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Ein Interview mit David Mitchell

Sie haben viele Jahre in Japan gelebt. Was hat Sie an Japan und an der Epoche, die Sie beschreiben, besonders gereizt?

Es ist eine einzigartige historische Situation. Hier trift eine säkulare Welt, die der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und Aufklärung, auf eine traditionalistische, rückwärtsgewandte und destabilisiert sie, obwohl mit allen Mitteln verhindert werden soll, dass sie das tut. Und das entscheidende Mittel ist dieser Ort, Dejima, die künstliche Insel im Hafen von Nagasaki, die als Sitz des holländischen Handelspostens ausersehen wurde. Ein seltsamer, isolierter Ort der Begegnung, von dessen Existenz kaum jemand wusste. Den wollte ich unbedingt in einem Buch verewigen. Auch die Menschen, die ihn bewohnten. Wie nahmen die Holländer und die Japaner einander wahr? Wie muss es sich angefühlt haben, dort eingeschlossen zu sein, besonders in den Zeiten der napoleonischen Kriege, als plötzlich die Versorgungsschiffe aus Batavia (dem heutigen Jakarta) ausblieben, und nicht zu wissen, warum und für wie lange? Und andererseits auf japanischer Seite: Was war das für ein Schlüsselloch, durch das die Japaner blicken konnten, um sich über die internationalen Entwicklungen, über den Aufstieg Europas und seiner neuen Technologien zu informieren! Denn auf diesem winzigen Inselchen  waren es ja die Weißen, die beobachtet und analysiert wurden, dort waren sie, nicht die Japaner, die Exoten.

Deshalb gibt es auch so viele sprachliche und kulturelle Hürden in diesem Roman.

Kulturelle Heimatlosigkeit ist eines meiner wiederkehrenden Themen. Ein weiteres sind Missverständnisse. Ich habe früher gestammelt. Da kann man nicht sagen, was man will. Ähnlich geht es manchen Menschen in diesem Buch – gerade dann, wenn es am dringendsten nötig wäre. In frühen Fassungen habe ich immer versucht, mich um die Sprachbarrieren herumzumogeln. Bis ich erkannte, dass ich sie mir für den Roman zunutze machen könnte, indem ich meine Figuren einfach ins Gefängnis ihrer Sprache steckte und ihnen dort beim Zappeln zusah. Das entpuppte sich als spannend.

Was die Lektüre zudem so unwiderstehlich macht, ist Ihr großes Interesse an der Conditio humana. Einfach alles an den Menschen scheint Sie zu faszinieren.

Wenn die Figuren nicht funktionieren, kann man alles wegwerfen. Es sind die gelungenen Charaktere, die einen in die Erzählung hineinziehen, die einen vergessen lassen, dass man überhaupt liest, die einen die ganze Nacht wachhalten, bis man endlich mit der Lektüre fertig ist. Am Ende sind die Menschen in ihrer Vielfalt, in ihrer ganzen Schönheit und Hässlichkeit, das, was einen guten Roman ausmacht.

Ein anderes Thema des Buches ist die gesellschaftliche Realität, die Ausbeutung, die Ungleichheit, die Art und Weise, wie Leute ihrer sozialen Herkunft verhaftet bleiben, weil ihnen Macht und ökonomische Mittel zu ihrer Befreiung fehlen.

Richtig. Die Machtfrage ist universell. Und Sprache ist Macht. Deshalb sind in Dejima die Übersetzer so einflussreich. Aber das Machtthema ist auch eine der Grundlagen jedes Erzählens. Schon Aristoteles sagte, in jeder Erzählung brauche man zwei Menschen, die etwas Unter-schiedliches wollen.

Ihr armer Held Jacob de Zoet ist eine ehrliche Haut und will ehrlich bleiben. Er hat es aber schwer, mit all der Korruption und Hinterlist zurechtzukommen, sowohl auf der japanischen wie auf der niederländischen Seite. Ging es dort wirklich so wild zu, wie Sie es beschreiben?

O ja, das ist nicht übertrieben. Das ist auch ein universelles Thema, das mich interessiert: Was tut ein ehrlicher Mensch in einer Schlangengrube? Dies ist ein Buch über Macht und Integrität, genauso wie es von Liebe und Tod handelt. Und was die Historie betrifft, so stand die Ostindien-Kompanie 1799 tatsächlich vor der Pleite, weil jeder, aber auch wirklich jeder sich heimlich ein Stück vom Kuchen nahm.

Jacob verliebt sich bald in eine japanische Hebamme, die sich beim holländischen Arzt der Kolonie ausbilden lässt. Konnten Frauen zu dieser Zeit in Japan Medizin studieren?

Wahrscheinlich nicht. Aber eben dieses Wörtchen «wahrscheinlich» öffnet dem Romancier die Tür weit genug, dass er hindurchschlüpfen kann. Außerdem hat mich meine – japanische – Frau gewarnt, dass mir Schlimmes blühen würde, wenn ich es wagte, eine dieser schönen, aber geistig unterbelichteten Geishas auftreten zu lassen, die beim Anblick der ersten blonden Rotnase vor Verzückung zu Boden sinken.

Ihr Roman ist international sehr erfolgreich. Haben Sie damit gerechnet, dass ihn so viele gern lesen?

Dass ihn so viele lesen, ist schön, und es ermahnt mich einmal mehr, den Leser niemals zu unterschätzen. Aber wenn man etwas schreibt, denkt man wenig daran, wie es wohl aufgenommen wird. Diesen Luxus kann man sich gar nicht leisten. Man denkt nur daran, wie man das Buch am besten hinbekommt, und da reduziert sich alles auf einen einzigen Leser – mich selbst, und vielleicht noch meine Frau. Wenn man es dann so destilliert hat und es gefällt einem, funktioniert es hoffentlich auch für andere.