Das Lektorat

Die Arbeit, die Übersetzer und Lektoren leisten, wird selten öffentlich dokumentiert. Im besten Fall freut sich der Leser über einen gut lesbaren, stimmigen Text, der den Ton des Originals trifft und auch in der anderen Sprache «funktioniert». Wir möchten Ihnen gern ein bisschen genauer zeigen, was es heißt, einen Text ins Deutsche zu übersetzen. Die Lektorin von «Die tausend Herbste des Jacob de Zoet» gibt uns einen Einblick in ihre Arbeitsweise:

Meistens (und lieber) redigiere ich eine Übersetzung auf Papier, lasse meine Anmerkungen und Fragen auf einer extra Liste mitlaufen, die ich dem Übersetzer dann als Datei schicke, zusätzlich zur kopierten, redigierten Papierform. Er sieht sich die Redaktion an, wir sprechen sie durch und kommen dabei oft gemeinsam auf dritte Lösungen oder Formulierungen. Die endgültigen Änderungen gebe ich in die Datei ein, die der Verlag bekommt.

In diesem Fall – da das Manuskript umfangreich und die zur Verfügung stehende Zeit knapp war – habe ich die Übersetzung gleich am Bildschirm redigiert. Der Übersetzer hatte in seine Datei bereits Hinweise und Anmerkungen (Fragen, Unklarheiten, Besonderheiten etc.) für mich einfließen lassen, auf die ich reagieren konnte. Meine Anmerkungen und Vorschläge habe ich mittels der Kommentarfunktion eingearbeitet, auf die er wiederum – auch in den Kommentaren – geantwortet hat. So hatten wir eine schriftliche Auseinandersetzung mit dem Text und konnten nicht unerheblich Zeit sparen.

Mitchell hat in diesem historischen Roman wahnsinnig viele Fakten verarbeitet, die mittels Recherche nachvollzogen (oder überhaupt erstmal herausgeholt und verstanden) werden mussten. Nur zum Beispiel:

Wie sah die Situation im ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhundert in den entsprechenden Ländern bzw. Staaten aus? Was waren, wie funktionierten Handelsstationen/Faktoreien? Wer spielte welche Rolle auf der künstlichen Insel Dejima? Bezeichnungen – Begriffe – Hierarchien – Anredeweisen  (verschiedene: zwischen den Japanern, den Niederländern, den Engländern) – kulturelle Eigenheiten und Verhaltensweisen der Japaner, deren sprachlicher Ausdruck und Stil, das alles sind nur Stichworte für die Komplexität des verhandelten Materials.

 Hier mal einige beliebig herausgegriffene Beispiele aus unserer Arbeit an Mitchells Text, die vielleicht zeigen, um welche Fragen es unter anderen gehen kann.

Aus dem dritten Teil, 29. Kapitel.

Er denkt an Anna. Er muss sie von ihrem Versprechen erlösen.

Ein liebenswürdiges, ehrliches Mädchen wie sie, denkt er unbeirrt, hat einen besseren Ehemann verdient.

Der Kontext:

Jacob de Zoet wacht auf im Haus der Glyzinien, neben einer Prostituierten, mit der er offenbar (er kann sich nicht recht erinnern) die Nacht verbracht hat. Er ist etwas zerknirscht, um nicht zu sagen: angewidert von der Situation und sich selbst. Seine wahre Sehnsucht gilt ja der Hebamme Orito, die aber aus verschiedenen Gründen für ihn unerreichbar ist. Und dann gibt es immer noch Anna, seine Braut, die in den Niederlanden auf ihn wartet und an die er mit schlechtem Gewissen denkt. Beim Abschied hat sie versprochen, auf ihn zu warten, selbst wenn er es in der Ferne mit der (körperlichen) Treue nicht allzu genau nehmen sollte. Ob sie immer noch gutgläubig auf ihn wartet, während er sich innerlich immer weiter entfernt? Im Original steht: «He must dissolve their vow.» «Er muss ihr Versprechen lösen.» Ich verstand zunächst falsch und dachte, es sei nur Annas Versprechen gemeint. Und kommentierte: Aber da steht doch «their vow»? Und ist «vow» nicht gewichtiger als ein Versprechen? Ein Schwur, Gelübde, Gelöbnis?

Der Übersetzer antwortet:

Ich weiß, aber Gelübde oder Gelöbnis klingt so hochtrabend. Und welcher vow ist denn gemeint. Sie hatte ihm ja quasi erlaubt fremdzugehen, er sollte nur aufpassen, dass er sich keine Geschlechtskrankheit holt. Ist «Versprechen» zu schwach? Im Sinne von Eheversprechen?

Ich fand «Versprechen» nicht zu schwach. Da Jacob der Aktive ist, der meint, Anna aus ihrem Warten und Ausharren befreien zu müssen, änderten wir zu: «Er muss sie von ihrem Versprechen erlösen.» In «ihrem Versprechen» ist sowohl Annas Versprechen zu warten als auch das Eheversprechen enthalten, das Jacob und Anna einander gegeben haben.

[Hier mehr eine Recherche-Frage: Teil 3, 37. Kapitel, auf der Penhaligon]

Wetz brüllt Befehle: Männer auf den Marsen antworten, Taue spannen sich, Blöcke knirschen, Regen glitzert.

Was sind um Himmels willen Marsen?

Im Original steht: Wetz shouts; topmen reply; ropes strain; blocks squeak; rain glistens.

Und was sind bitte «topmen»?

Im großen Collins/Pons steht: top = Mars, m. (ohne nähere Erläuterung und unter vielen anderen Bedeutungen, natürlich)

Im Duden stößt man auf eine weitere Bedeutung:

3}Mars,  der; -, -e [mniederd. mars, merse < mniederl. me(e)rse, eigtl.= Waren(korb) < lat. merces (Pl.)= Waren] (Seemannsspr.): Plattform am unteren Ende der Marsstenge. © 2000 Dudenverlag

Folgerichtig übersetzt: Männer auf/in dem Mars antworten. Aber würde ein Leser, der möglicherweise der Seemannssprache nicht kundig ist, das verstehen? Klingt das nicht zu sehr nach dem Planeten Mars? Wie soll das in die Situation passen? Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/Mars_(Schifffahrt) – man im nautischen Kontext auch von DIE Mars sprechen kann. Das Geschlecht macht den kleinen Unterschied – und schon klingt es deutlich nach Fachvokabel –> also: Männer auf der Mars antworten. Der Übersetzer ergänzte, noch besser wäre der Plural, denn es gebe ja an jedem Mast eine Mars –> Männer auf den Marsen antworten.

[Hier ein Beispiel, wo die Übersetzung «springen» muss. 3. Teil, 31. Kap.]

Es geht um die anstehende Begegnung der Phoebus mit dem Empfangskomitee der Japaner und Niederländer vor Dejima. Kapitän Penhaligon ist misstrauisch und befiehlt:

«Mr. Cutlip, die Soldaten sollen das große Beiboot rudern. Sie sollen Zivilkleidung anziehen und die Entermesser in Sackleinen gewickelt unter den Ruderbänken verstecken.» Der Major salutiert und geht unter Deck. Der Kapitän begibt sich zum Mittelschiff, um mit dem Bootsmann zu sprechen, einem gewitzten Schmuggler von den Scilly-Inseln, der in Penzance gepresst wurde, wo ihm der Galgen drohte. «Mr. Flowers, lassen Sie das Beiboot zu Wasser, doch verheddern Sie die Taue, damit wir Zeit gewinnen. Die Begegnung des Empfangskomitees mit unserem Boot soll näher an der Phoebus als am Ufer stattfinden.»

«Ich werde wahren Tausalat draus machen, Captain.»

Der letzte Satz lautet im Original: A proper Frenchman’s fanny I’ll make of it, Captain.

Was war mit dem Ausdruck «a Frenchman’s fanny» gemeint? Der Autor antwortete schließlich auf die Anfrage des Übersetzers: A Frenchman’s fanny bedeute «a total mess», ein großes Durcheinander, eine riesige Unordnung etc. – eine Anspielung vermutlich auf eins der Vorurteile, die zwischen Engländern und Franzosen herrschen: Dem Engländer gilt der Franzose als faul. Eine Redewendung jedenfalls, die nicht eins zu eins ins Deutsche hinüberzuretten war. Auf der Suche nach etwas ähnlich umgangssprachlich Klingendem verwandelten wir die verhedderten Taue zu Tausalat.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Das Lektorat

  1. Pingback: Die Herstellung | Tausendherbste

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s