Ein Interview mit David Mitchell

Sie haben viele Jahre in Japan gelebt. Was hat Sie an Japan und an der Epoche, die Sie beschreiben, besonders gereizt?

Es ist eine einzigartige historische Situation. Hier trift eine säkulare Welt, die der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und Aufklärung, auf eine traditionalistische, rückwärtsgewandte und destabilisiert sie, obwohl mit allen Mitteln verhindert werden soll, dass sie das tut. Und das entscheidende Mittel ist dieser Ort, Dejima, die künstliche Insel im Hafen von Nagasaki, die als Sitz des holländischen Handelspostens ausersehen wurde. Ein seltsamer, isolierter Ort der Begegnung, von dessen Existenz kaum jemand wusste. Den wollte ich unbedingt in einem Buch verewigen. Auch die Menschen, die ihn bewohnten. Wie nahmen die Holländer und die Japaner einander wahr? Wie muss es sich angefühlt haben, dort eingeschlossen zu sein, besonders in den Zeiten der napoleonischen Kriege, als plötzlich die Versorgungsschiffe aus Batavia (dem heutigen Jakarta) ausblieben, und nicht zu wissen, warum und für wie lange? Und andererseits auf japanischer Seite: Was war das für ein Schlüsselloch, durch das die Japaner blicken konnten, um sich über die internationalen Entwicklungen, über den Aufstieg Europas und seiner neuen Technologien zu informieren! Denn auf diesem winzigen Inselchen  waren es ja die Weißen, die beobachtet und analysiert wurden, dort waren sie, nicht die Japaner, die Exoten.

Deshalb gibt es auch so viele sprachliche und kulturelle Hürden in diesem Roman.

Kulturelle Heimatlosigkeit ist eines meiner wiederkehrenden Themen. Ein weiteres sind Missverständnisse. Ich habe früher gestammelt. Da kann man nicht sagen, was man will. Ähnlich geht es manchen Menschen in diesem Buch – gerade dann, wenn es am dringendsten nötig wäre. In frühen Fassungen habe ich immer versucht, mich um die Sprachbarrieren herumzumogeln. Bis ich erkannte, dass ich sie mir für den Roman zunutze machen könnte, indem ich meine Figuren einfach ins Gefängnis ihrer Sprache steckte und ihnen dort beim Zappeln zusah. Das entpuppte sich als spannend.

Was die Lektüre zudem so unwiderstehlich macht, ist Ihr großes Interesse an der Conditio humana. Einfach alles an den Menschen scheint Sie zu faszinieren.

Wenn die Figuren nicht funktionieren, kann man alles wegwerfen. Es sind die gelungenen Charaktere, die einen in die Erzählung hineinziehen, die einen vergessen lassen, dass man überhaupt liest, die einen die ganze Nacht wachhalten, bis man endlich mit der Lektüre fertig ist. Am Ende sind die Menschen in ihrer Vielfalt, in ihrer ganzen Schönheit und Hässlichkeit, das, was einen guten Roman ausmacht.

Ein anderes Thema des Buches ist die gesellschaftliche Realität, die Ausbeutung, die Ungleichheit, die Art und Weise, wie Leute ihrer sozialen Herkunft verhaftet bleiben, weil ihnen Macht und ökonomische Mittel zu ihrer Befreiung fehlen.

Richtig. Die Machtfrage ist universell. Und Sprache ist Macht. Deshalb sind in Dejima die Übersetzer so einflussreich. Aber das Machtthema ist auch eine der Grundlagen jedes Erzählens. Schon Aristoteles sagte, in jeder Erzählung brauche man zwei Menschen, die etwas Unter-schiedliches wollen.

Ihr armer Held Jacob de Zoet ist eine ehrliche Haut und will ehrlich bleiben. Er hat es aber schwer, mit all der Korruption und Hinterlist zurechtzukommen, sowohl auf der japanischen wie auf der niederländischen Seite. Ging es dort wirklich so wild zu, wie Sie es beschreiben?

O ja, das ist nicht übertrieben. Das ist auch ein universelles Thema, das mich interessiert: Was tut ein ehrlicher Mensch in einer Schlangengrube? Dies ist ein Buch über Macht und Integrität, genauso wie es von Liebe und Tod handelt. Und was die Historie betrifft, so stand die Ostindien-Kompanie 1799 tatsächlich vor der Pleite, weil jeder, aber auch wirklich jeder sich heimlich ein Stück vom Kuchen nahm.

Jacob verliebt sich bald in eine japanische Hebamme, die sich beim holländischen Arzt der Kolonie ausbilden lässt. Konnten Frauen zu dieser Zeit in Japan Medizin studieren?

Wahrscheinlich nicht. Aber eben dieses Wörtchen «wahrscheinlich» öffnet dem Romancier die Tür weit genug, dass er hindurchschlüpfen kann. Außerdem hat mich meine – japanische – Frau gewarnt, dass mir Schlimmes blühen würde, wenn ich es wagte, eine dieser schönen, aber geistig unterbelichteten Geishas auftreten zu lassen, die beim Anblick der ersten blonden Rotnase vor Verzückung zu Boden sinken.

Ihr Roman ist international sehr erfolgreich. Haben Sie damit gerechnet, dass ihn so viele gern lesen?

Dass ihn so viele lesen, ist schön, und es ermahnt mich einmal mehr, den Leser niemals zu unterschätzen. Aber wenn man etwas schreibt, denkt man wenig daran, wie es wohl aufgenommen wird. Diesen Luxus kann man sich gar nicht leisten. Man denkt nur daran, wie man das Buch am besten hinbekommt, und da reduziert sich alles auf einen einzigen Leser – mich selbst, und vielleicht noch meine Frau. Wenn man es dann so destilliert hat und es gefällt einem, funktioniert es hoffentlich auch für andere.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s